Am 28. Juni 2025 ist das Barrierefreiheitsgesetz (BaFG in Österreich, BFSG in Deutschland) in Kraft getreten. Bereits in den ersten sechs Monaten zeigen sich erste Abmahn-Muster — und Praxiswebsites sind im Fokus, weil sie viele typische Schwachstellen haben. Dieser Artikel zeigt, welche Schwerpunkte die Abmahner:innen 2025/2026 haben, welche Summen im Raum stehen und welche Praxis-Prioritäten sich daraus ableiten.
Wer mahnt ab?
Drei Gruppen werden aktiv:
1. Mitbewerber:innen. Wettbewerbsrechtlich zulässig, wenn eine Praxis in direktem Wettbewerb steht. In kleinen Einzugsgebieten mit wenigen Wahlärzt:innen besonders heikel.
2. Verbraucherschutz-Organisationen. In Deutschland besonders aktiv (Verbraucherzentralen, vzbv). In Österreich bisher zurückhaltender, aber erste Fälle 2025 dokumentiert.
3. Marktüberwachungsbehörden. Proaktive Prüfungen durch das Sozialministeriumservice (Österreich) und die entsprechenden Landesbehörden (Deutschland). Meist erst nach Beschwerde, aber vereinzelte Stichproben dokumentiert.
Die Abmahn-Schwerpunkte 2025/2026
Aus den bisher dokumentierten Fällen zeigen sich drei klare Schwerpunkte:
Schwerpunkt 1: Cookie-Banner
Die häufigste Abmahnung betrifft nicht-WCAG-konforme Cookie-Banner:
- Kein „Alle ablehnen"-Button auf erster Ebene
- Fehlende Tastatur-Navigation
- Zu geringer Farbkontrast bei Buttons
- „Essential"-Cookies gesetzt, obwohl nicht technisch notwendig
- Nicht-dokumentierte Einwilligung
Typische Abmahnsumme: 800-1.500 Euro Anwaltskosten + Unterlassungserklärung mit 5.000-20.000 Euro Vertragsstrafe bei Wiederholung.
Schwerpunkt 2: Online-Terminbuchung
Die zweite große Welle betrifft eingebundene Terminbuchungs-Tools. Die Verantwortung liegt bei der Praxis — nicht beim Tool-Anbieter. Wer ein nicht konformes Tool eingebunden hat, wird selbst abgemahnt.
Konkrete Schwachstellen:
- Kalender-Navigation per Tastatur nicht möglich
- Pflichtfelder nur farblich markiert (ohne Text-Hinweis)
- Fehler-Meldungen nicht für Screen Reader nutzbar
- Mobile-Variante nicht barrierefrei
Typische Abmahnsumme: 1.200-2.500 Euro. Höher als Cookie-Banner, weil Nachweis aufwändiger.
Schwerpunkt 3: Kontaktformulare und PDFs
Der „dritte Wurf" der Abmahner:innen:
- Kontaktformular ohne Labels (
for-Attribut) - Pflichtfeld-Markierung nur durch Stern-Symbol ohne Erklärung
- PDFs (Preisliste, Anamnesebogen) als Scan-PDFs ohne Text-Layer
- Fehlende
aria-invalid-Attribute bei Fehleingaben
Typische Abmahnsumme: 500-1.500 Euro.
Was in Österreich bisher bekannt ist
Die österreichische Datenschutzbehörde (DSB) und das Sozialministeriumservice haben 2025 vor allem informative Anschreiben verschickt — mit Fristen zur Nachbesserung. Bußgelder im medizinischen Bereich bisher im Einzelfall bis ca. 5.000 Euro. Die größere Welle wird für 2026 erwartet, sobald erste Klärungsverfahren durch sind.
Die Arbeiterkammer hat erste DSGVO-parallele Verfahren dokumentiert, bei denen BaFG-Verstöße als zusätzlicher Punkt in Mehrfach-Beschwerden auftauchen.
Was in Deutschland bekannt ist
Deutschland ist weiter — mehrere Abmahnwellen im Gesundheitsbereich bereits Q4 2025:
- Berlin-Brandenburg: ~40 Praxen mit nicht konformem Cookie-Banner gemeldet
- Bayern: ~20 Fälle mit fehlerhafter Online-Terminbuchung
- NRW: ~15 Fälle mit PDF-Schwachstellen
- BMJ-Datenbank: erste Urteile Q1 2026 erwartet
Die Bußgelder nach BFSG liegen meist bei 500-5.000 Euro — deutlich niedriger als das theoretische Maximum (100.000 Euro), weil die Behörden verhältnismäßig sanktionieren. Anwaltskosten bei wettbewerbsrechtlichen Abmahnungen oft höher als Bußgelder.
Die Kosten-Kalkulation bei Abmahnung
Szenario 1: Kleine Abmahnung (Cookie-Banner)
- Anwalts-Aufforderungsschreiben: 800-1.500 Euro
- Unterlassungserklärung mit Vertragsstrafe: 5.000-10.000 Euro (nur bei Wiederholung fällig)
- Eigene Anwaltskosten für Prüfung: 300-600 Euro
- Direkt zu zahlen: 1.100-2.100 Euro
- Risiko bei Wiederholung: +5.000-10.000 Euro
Szenario 2: Mittlere Abmahnung (Online-Terminbuchung + Cookie)
- Anwalts-Aufforderung: 1.500-2.500 Euro
- Unterlassung: 10.000-20.000 Euro Vertragsstrafe
- Eigene Anwaltskosten: 500-1.000 Euro
- Tool-Wechsel-Kosten: 500-3.000 Euro Migration
- Direkt zu zahlen: 2.500-6.500 Euro
Szenario 3: Behördenverfahren
- Bußgeld: 500-5.000 Euro (in Einzelfällen mehr)
- Anwaltskosten: 1.000-3.000 Euro
- Nachbesserungs-Kosten der Website: 1.000-5.000 Euro
- Gesamt: 2.500-13.000 Euro
Zusätzlich: Reputationsschaden, wenn Abmahnung in lokaler Presse erscheint (bei Praxen passiert das regelmäßig).
Präventions-Strategie: Top-3-Prioritäten
Wer jetzt reagieren will, sollte folgende Prioritäten setzen:
1. Cookie-Banner mit CMP neu bauen (2-4 Stunden, wichtigste Einmal-Aktion).
2. Online-Terminbuchung prüfen — falls nicht WCAG-konform, Anbieter wechseln. Seriöse Anbieter haben inzwischen BFSG-Version.
3. Kontaktformular + PDFs überarbeiten (1-2 Stunden) — Labels, aria-Attribute, PDFs neu als text-durchsuchbare Version.
Investition: 4-8 Stunden eigene Zeit plus ggf. 500-1.500 Euro externer Support. Vergleich: eine einzige Abmahnung kostet das Dreifache.
Was im Abmahn-Fall zu tun ist
Wenn die Abmahnung im Briefkasten liegt:
-
Nicht sofort unterschreiben. Die Unterlassungserklärung hat oft eine sehr hohe Vertragsstrafe im Kleingedruckten.
-
Fachanwält:in für Wettbewerbsrecht konsultieren. Spezialisierte Kanzleien prüfen die Berechtigung (viele Abmahnungen sind übertrieben oder rechtlich angreifbar).
-
Modifizierte Unterlassungserklärung vorbereiten lassen — oft ist die Forderung überzogen.
-
Schwachstelle reparieren. Vor der Unterlassungs-Antwort die Website fixen, damit die Vertragsstrafe nicht sofort fällig wird.
-
Dokumentieren für eigene Rechts-Absicherung.
Fazit: Frühe Reparatur ist 10× günstiger als reaktive Abmahnung
Die ersten sechs Monate BaFG/BFSG haben gezeigt: Die Abmahnlandschaft im Gesundheitsbereich ist real — und Praxiswebsites mit typischen Schwachstellen (Cookie-Banner, Online-Terminbuchung, Kontaktformular) sind Top-Ziele. Wer jetzt reagiert, zahlt 500-1.500 Euro für saubere Nachbesserung. Wer wartet und abgemahnt wird, zahlt typisch 2.500-6.500 Euro — plus laufendes Vertragsstrafen-Risiko.
Die Rechnung ist einfach. Die Zeit auch.
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