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ChatGPT für die Ordination: 5 sinnvolle Anwendungen im Praxis-Alltag

Kevin Hofbauer5 Min. Lesezeit
KI-Chat-Interface auf Tablet neben Stethoskop auf Praxis-Schreibtisch — Symbol für KI-Nutzung in der Ordination

ChatGPT, Claude, Gemini, Perplexity — KI-Tools sind 2026 in der Medizin angekommen. Die Reaktionen in Ärzt:innen-Kreisen schwanken zwischen Begeisterung („spart mir Stunden pro Woche") und Skepsis („was ist mit Datenschutz?"). Beides ist berechtigt — die Wahrheit liegt in der konkreten Anwendung.

Dieser Artikel zeigt fünf konkrete Use Cases, die rechtlich sauber und praktisch wertvoll sind — plus die klaren Grenzen, die unter keinen Umständen überschritten werden sollten.

Die Grundregel: keine Patientendaten in den Chatbot

Bevor wir zu den Use Cases kommen, die zentrale Regel: Niemals konkrete Patientendaten in Consumer-KI-Tools eingeben. Das betrifft:

  • Vollständige Namen
  • Geburtsdaten
  • Adresse, e-Card-Nummer
  • Konkrete Befunde mit identifizierbaren Details
  • Fotos, MRT/CT-Bilder mit Patient:innen-Bezug
  • Unstrukturierte Diktate mit persönlichen Angaben

Warum: die meisten Consumer-Varianten (Free-ChatGPT, Claude Free) verwenden Eingaben zum Training. Das ist nicht DSGVO-konform und verletzt die ärztliche Schweigepflicht nach § 54 ÄrzteG.

Ausnahme: Business-/Enterprise-Versionen mit explizitem „No-Training" + AVV:

  • ChatGPT Enterprise / Teams
  • Claude Enterprise
  • Gemini for Business mit EU-Region

Auch diese nur mit Auftragsverarbeitungs-Vertrag und interner Policy einsetzen.

Use Case 1: Patient:innen-Aufklärungsschreiben entwerfen

Wert: Textbausteine für häufige Aufklärungen (OP-Vorbereitung, Koloskopie-Vorbereitung, Impfungs-Info, Allergen-Karenz) schnell generieren lassen. Spart 15-30 Minuten pro Standard-Aufklärung.

Prompt-Muster:

„Entwirf einen Aufklärungstext für Patient:innen, die eine Koloskopie haben werden. Zielgruppe: Erwachsene 40-70 Jahre. Inhalte: Was passiert, wie ist die Vorbereitung (Darmreinigung), wie ist der Ablauf am Tag, wie ist die Nachsorge. Einfache Sprache, keine Fachbegriffe ohne Erklärung. 400-600 Wörter."

Wichtig:

  • Output immer fachlich gegenprüfen — KI macht Fehler bei medizinischen Details
  • Keine patient:innen-spezifischen Anpassungen im Chatbot machen
  • Standardtexte als Vorlagen, manuell für Einzelfall anpassen

Use Case 2: Arztbrief-Entwürfe strukturieren

Wert: Aus unstrukturierten Notizen schnell einen strukturierten Arztbrief-Entwurf machen.

Prompt-Muster (mit anonymisierten Daten!):

„Strukturiere folgende Stichpunkte zu einem Arztbrief-Entwurf in den üblichen Abschnitten (Anamnese, Befund, Beurteilung, Empfehlung). Keine Namen oder persönlichen Daten, nur fachliche Struktur:

  • 58-jährige Patientin
  • Beschwerden: Atemnot bei Belastung seit 3 Monaten
  • HF 85/min, BD 145/90
  • EKG unauffällig, Ergometrie pos bei 100W
  • Verdacht: KHK Abklärung empfohlen"

Das Ergebnis ist ein strukturierter Rohtext, den der:die Ärzt:in in der Praxis-Software final ausformuliert — mit echten Patient:innen-Daten nur in der abgesicherten Software.

Use Case 3: FAQ-Antworten auf der Praxiswebsite

Wert: Häufige Patient:innen-Fragen als FAQ-Einträge formulieren — für die eigene Website.

Prompt-Muster:

„Schreibe 10 FAQ-Einträge für eine Wahlarzt-Ordination (Internistik, Wien) zu folgenden Themen: Erstgespräch-Ablauf, Honorar + Rückerstattung, Was zum ersten Termin mitbringen, Wahlarzt vs. Kassenarzt Unterschied, Online-Terminbuchung, Barrierefreier Zugang, Dauer eines Check-ups, Notfall-Regelung, Schwerpunkt Stoffwechsel, Sprachen. Jede Antwort 3-5 Sätze, faktisch, ohne Marketing-Phrasen, ÖÄK-konform (keine Heilversprechen, keine Vergleiche mit Mitbewerbern)."

Das Ergebnis: Grund-FAQ, die die Ärzt:in redaktionell durchgeht und final formuliert.

Use Case 4: Fortbildungs-Zusammenfassungen

Wert: Nach Fachkongressen oder Fortbildungs-Webinaren Kernpunkte schnell zusammenfassen lassen — für eigene Akten oder Team-Teaching.

Prompt-Muster:

„Ich habe eine 90-minütige Fortbildung zum Thema 'Aktuelle Empfehlungen zur GERD-Therapie 2025' gehört. Erstelle eine strukturierte Zusammenfassung in 400 Wörtern für meine Praxis-Unterlagen. Gliederung: 1) aktuelle Leitlinie, 2) Erstlinien-Therapie, 3) bei Therapieversagen, 4) wichtige Nebenwirkungen."

Hier werden keine Patientendaten eingegeben — nur Fachthemen. Sauber und nützlich.

Use Case 5: Literatur-Recherche mit Perplexity

Wert: Schnelle Recherche zu aktuellen Leitlinien, Studien, Fachartikeln — mit Quellen-Angaben. Perplexity ist hier deutlich stärker als ChatGPT, weil es aktive Web-Recherche macht.

Prompt-Muster:

„Was sind die aktuellen Empfehlungen (2024/2025) der European Society of Cardiology zu Lipid-Management bei KHK-Sekundärprävention? Bitte mit Quellen aus peer-reviewed Journals."

Perplexity liefert Zusammenfassung plus URLs zu Original-Quellen. Die Ärzt:in prüft die Quellen und übernimmt für eigene Praxis-Standards.

Wichtig: KI-Zusammenfassungen sind Ausgangspunkt, nicht Endpunkt. Immer Quellen selbst lesen bei medizinisch relevanten Fragen.

Was KI in der Praxis NICHT kann (2026)

Trotz aller Fortschritte — bestimmte Dinge sollte KI nicht übernehmen:

  • Diagnose-Stellung: KI kann Hinweise geben, aber die Diagnose trifft die Ärzt:in. Studien zeigen: ca. 50 % der KI-Antworten zu medizinischen Fragen enthalten Ungenauigkeiten.
  • Therapie-Entscheidungen: KI kennt nicht die Patientenkonstellation im Detail.
  • Notfall-Triage: KI kann keine klinische Untersuchung ersetzen.
  • Rezept-Verschreibung: Menschliches Rezept-Rezept, punkt.
  • Patient:innen-Kommunikation über sensible Themen: Empathie kann KI simulieren, aber nicht ersetzen.

Die rechtliche Grenze 2026

Österreichische Ärztekammer-Position: KI ist als Hilfsmittel akzeptiert, die Verantwortung bleibt vollständig bei der Ärzt:in. Die „Menschlich-Klinische Entscheidung" muss dokumentiert bleiben — auch wenn KI vorgearbeitet hat.

DSGVO + § 54 ÄrzteG (Schweigepflicht) bleiben die Leitplanken. Wer patient:innen-identifizierbare Daten in KI-Tools eingibt, haftet persönlich — auch bei „anonymisierten" Daten, die trotzdem Rück-Identifikation zulassen (z. B. seltene Kombinationen).

Praxis-Empfehlung: klein anfangen

Wer KI-Tools in die Praxis integrieren will:

Monat 1-2: Perplexity für Literatur-Recherche testen (keine Patientendaten).

Monat 3-4: ChatGPT/Claude für FAQ-Entwürfe und Aufklärungstexte nutzen (keine Patientendaten).

Monat 5-6: Wenn Mehrwert spürbar: über Business-Version mit AVV nachdenken (ChatGPT Enterprise oder Claude Enterprise).

Ab Monat 7: Ärztliche Team-Policy definieren, Mitarbeiter:innen schulen, Einsatz-Regeln dokumentieren.

Fazit: KI in der Medizin ist Werkzeug, nicht Ersatz

Wer KI-Tools innerhalb der rechtlichen Grenzen einsetzt, gewinnt 3-10 Stunden pro Monat an Zeit — vor allem bei Text-Arbeit, Literatur-Recherche und Routine-Aufklärungen. Diese Zeit fließt zurück in Patient:innen-Gespräche, fachliche Weiterbildung oder einfach: weniger Burnout.

Die Grenzen sind klar: keine Patientendaten in Consumer-Tools, keine Diagnose-Delegation, immer redaktionelle Gegenkontrolle. Wer das beherzigt, hat ein sehr wertvolles Werkzeug. Wer es missachtet, riskiert Disziplinar- und Datenschutz-Verfahren.


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